Fragen & Antworten

»Geduld und Ruhe sind gut, damit alles klappt – das ist ganz wichtig.«

Jan Seitz über seine ehrenamtlichen Praktika beim Hamburger »atelier lichtzeichen« und bei der »Kasseler Tafel e.V.« im Herbst 2018

Porträt eines Schülers

Jan hat in seinen Herbstferien gleich zwei Praktika absolviert. - Foto: privat

Jan, wie bist du auf das Atelier einerseits und die Tafel andererseits gekommen und warum wolltest du gerade dort mitarbeiten? :: Auf das »atelier lichtzeichen« bin ich gekommen, weil meine Mutter in der Nähe einen Spielzeugladen hat und ich dadurch den Chef vom Atelier kenne. Im Atelier werden Menschen mit mit sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen – z.B. autistische, geistige oder psychische Erkrankungen – betreut und da habe ich gefragt, ob ich mithelfen kann. Ich wollte mal sehen, wie die Leute mit Menschen arbeiten, denen es halt nicht so gut geht. - Und zur Tafel in Kassel bin ich gekommen, weil mein Opa dort ehrenamtlich mitarbeitet. Außerdem hatte ich bei der Tafel schon einige Male vorher mitgeholfen, wenn ich ihn in Kassel in den Ferien besucht habe.

Sprechen wir zuerst über das Atelier. – Was waren deine Aufgaben? :: Meine Aufgaben waren, dass ich mich um die behinderten Menschen dort kümmere und denen helfe, z.B. den Rollstuhlfahrern, dass die überall gut durchkommen, oder dass das Malmaterial vollständig ist und auch mal etwas tragen helfen.

Deine »Klienten« oder »Gäste«, mit denen du zu tun hattest – waren die zufrieden, begeistert, unsicher mit dir? :: Soweit ich es gehört habe, gab es nur positives Feedback. Die waren sehr zufrieden mit mir, also dass ich immer höflich in den Umgangsformen war und meine Arbeit zuverlässig gemacht habe. Ich habe auch mitgedacht und eine Idee umsetzen können, die wir morgens besprochen haben, eine halbe Stunde bevor die Klienten kamen.

Bist du gut angeleitet worden? :: Ja! Die Abteilungsleiterin hat immer gesagt, wenn ich Fragen habe oder sonst etwas ist, kann ich zu ihr kommen. Ich durfte mehrere Stationen durchlaufen, um zu sehen, welche Aufgaben es gibt, und ich war fast nie allein, ich wurde immer mitgenommen und durfte helfen.

Wer oder was hat dich am meisten beeindruckt während deiner Mitarbeit? :: Was mich sehr beeindruckt hat, das waren die Künstler an sich und was sie gemalt haben; es sind wirklich tolle Bilder entstanden. Und das Management dort und dass jeder weiß, was er zu tun hat. Das war wirklich so gut organisiert, da konnten gar keine Fehler passieren. Man wurde auch immer eingeteilt für eine zu betreuende Person, ich hatte in meiner gesamten Zeit mit sieben von 14 Personen zu tun. Dass alles gut organisiert im Team passierte, war toll.

Was hat dich überrascht, das du vorher nicht gewusst hast? :: Wie viel Arbeit es sein kann, auf behinderte Menschen aufzupassen. Die nicht immer wissen, was sie tun, oder gerade nicht ganz sie selbst sind, z.B. weil sie Medikamente genommen haben. Und wie die trotzdem meistens ruhig geblieben sind. Dadurch habe ich ebenso eine Ruhe für mich selbst gefunden, auch wenn mal jemand lauter wurde. Ich weiß jetzt, wenn ich solche Menschen treffe, z.B. wenn sie autistisch sind oder eine schwere geistige Behinderung haben, wie ich mit denen umzugehen habe.

Bist du über Krankheitsbilder oder Medikamentierungen informiert worden, bevor du mit einem Menschen zu tun hattest? Damit du dich auf ihn einstellen konntest? :: Mir war das durchaus bewusst, weil der Alsterdorfer Markt ja bekannt dafür ist, dass dort viele Menschen mit einer Behinderung wohnen. Und ich bin da so oft an dem Markt, ich kenne das fast jeden. Das war für mich völlig in Ordnung, aber die vom Atelier haben mir trotzdem vorher gesagt, was alles auf mich zukommen könnte.

Was hast du gelernt? :: Andere Perspektiven kennen lernen und vergleichen: Wie denkt jemand gerade und wie denke ich? Und zu schauen, was jemand von mir möchte, wenn er sich nicht gleich passend ausdrücken kann. Also sich einfühlen lernen in jemanden.

Würdest du irgendetwas noch verbessern oder anders machen? :: Nein, nichts verbessern im Umgang mit den Menschen, es war alles perfekt und ich fand das toll.

Fühltest du dich insgesamt wohl in der Einrichtung, mit den Leuten, mit der Anleitung? Hast du von deinem Praktikum profitiert? :: Ja, sehr, das Team dort hat mich sehr nett aufgenommen, mir alles gezeigt und einen Tageszettel gegeben, wo drauf stand was gerade anliegt. Wir haben auch zusammen Mittag gegessen, es war eine superschöne Atmosphäre.

Würdest du wieder dort mitarbeiten? :: Gerne! Ich hab schon überlegt, ob ich mein Freiwilliges Soziales Jahr dort machen könnte, weil die immer Leute suchen.

Würdest du die Arbeit, die du gemacht hast, anderen empfehlen? Und welche Voraussetzungen bräuchte jemand – deiner Meinung nach – um diese Arbeit zu machen? :: Ich kann das auf jeden Fall empfehlen, weil man supernett aufgenommen wird, und auch die Menschen, die dort zu Besuch sind, respektvoll mit einem umgehen, so wie es für sie möglich ist. Und Voraussetzungen: also man muss Geduld haben mit den Menschen. Manche haben zu Beginn nicht sofort ein großes Vertrauen, einer z.B. hat mir in den ersten drei Tagen nicht vertraut und wollte nichts mit mir zu tun haben. Aber dann verbesserte sich das. Geduld und Ruhe sind gut, damit alles klappt, das ist ganz wichtig.

Gut, dann kommen wir zur Kasseler Tafel. – Was waren dort deine Aufgaben? :: Ich wurde wieder sehr gut aufgenommen, weil ich vor diesem Praktikum ja schon einige Male dort mitgeholfen habe, in den Sommerferien zum Beispiel. Also die fahren morgens mit Sprintern und LKWs raus und sammeln von allen Supermärkten die Sachen ein, die am nächsten oder übernächsten Tag vom Datum her ablaufen würden. Einmal bin ich auch mitgefahren und habe die Sachen mit reingetragen, sonst war ich um 9 Uhr da. Ich war vor allem zuständig für das Sortieren der Lebensmittel, aber weil ich das Hygiene-Zeugnis habe, durfte ich die Sachen auch vorne ausgeben. Die Leute haben so farbige Berechtigungskarten und kommen alle zwei Wochen. Sie bezahlen 2 Euro und bekommen dafür einige volle Tüten mit Lebensmitteln.

Wie hast du diese »Gäste« oder »Kunden« erlebt? :: Unterschiedlich. Manche waren sehr dankbar dafür, dass es so was gibt, also dass sie überhaupt Essen bekommen haben. Darunter waren auch viele aus dem Ausland, die hier in Flüchtlingsheimen wohnen, und die waren überaus dankbar. Es gab aber auch welche, die sehr arrogant waren. Ich habe so unterschiedliche Menschtypen kennen gelernt, dass es manchmal recht schwierig war. Manche waren supernett, andere wollten dann aber nicht nur ein, sondern zwei Brote oder noch etwas ganz Anderes.

Konntest du dich gut auf die verschiedenen Menschen einstellen? :: Natürlich mag ich die Leute lieber, die auch mit mir nett umgehen. Aber in dem Moment muss man halt genau so souverän bleiben auch mit den anderen, das war extrem wichtig. Und da war ich vom Atelier her, mit der Ruhe, schon gut vorbereitet. Es war aber insgesamt schon deutlich schwieriger als im Atelier. Trotzdem hab ich Ruhe bewahrt, wenn z.B. von hinten in der Schlange jemand »Mach mal schneller!« rief.

Was hat dich an der Tafel am meisten beeindruckt während deiner Mitarbeit? :: Beeindruckt hat mich, dass die meisten, die bei der Tafel mithelfen, das ehrenamtlich tun. Dass das Menschen sind, die anderen Menschen wirklich helfen wollen, und das nicht wegen des Geldes tun. Und dass das funktioniert, das war Wahnsinn. Die hatten da auch wieder so einen Plan, der wurde mir am Anfang gezeigt. Und die waren so dankbar, dass ich da mitgeholfen habe, weil sie da gerade einige Personalschwierigkeiten hatten. Es war auch schön, dass ich mehrere Stationen durchlaufen durfte – sortieren, ausgeben, Kisten reinigen ab und zu, Lager kontrollieren, mit dem LKW mitfahren. Insgesamt haben da 22 Leute mitgeholfen, von denen 10 immer fest da waren.

Und auch hier die Frage: Was hat dich überrascht, das du vorher nicht gewusst hast? :: Wie viele Menschen auf solche Hilfsmittel wie die Tafel angewiesen sind, das hat mich sehr überrascht. Die Menschen kommen ja nur alle 2 Wochen, aber jeden Tag stehen mehr und mehr in der Schlange an der Ausgabe. Ich hab nicht gezählt, aber ich schätze mal das sind 300 Menschen jeden Tag, eine erschreckend hohe Zahl. Und es stehen viele auf einer Warteliste, die noch nicht aufgenommen werden können.

Und was hast du dort, bei der Tafel, gelernt? Vermutlich auch das Organisieren? :: Ja, und auch flexibel sein. Wenn vorne an der Ausgabe gerade jemand fehlt, und du aber im Lager bist, musst du mit nach vorne, damit es da weitergeht. Und wenn da aber genug Helfer sind, machst du wieder weiter damit, die Lebensmittel zur Ausgabe zu transportieren. Das im Blick zu behalten, wer wo gerade gebraucht wird, dafür gab es Michael, das ist auch ein Ehrenamtlicher. Der hat selbst mit angepackt, aber auch das Personal zugewiesen. Und ich wurde nicht wie ein Praktikant behandelt, sondern wie ein festes Mitglied des Teams, mit einem Teil Verantwortung, das war auch schön.

Und würdest du bei der Tafel etwas anders machen, oder etwas verbessern? :: Ich würde versuchen, noch ein bisschen mehr Personal zu bekommen, damit man dieses Rotierende nicht mehr so viel hat. Vielleicht noch einen Flyer entwerfen, um noch mehr Helfer anzuwerben, die man vielleicht bezahlen könnte, dass jeder so sein »Fachgebiet« hat. Auch wenn die Flexibilität natürlich Spaß gemacht hat. – Es gab aber auch kurze Pausen, die man nehmen konnte, wenn es mal zu viel wurde. Das stand einem auf jeden Fall zu und es gab auch so eine Kaffee- und Kuchenecke.

Fühltest du dich auch da insgesamt wohl in der Einrichtung, mit den Leuten, mit der Anleitung? :: Ja. Also ich kannte die ja vorher schon relativ gut, und jetzt noch besser. Ich hab auch die Einladung, gern immer wiederzukommen in den Ferien.

Auch hier die Frage: Würdest du die Arbeit anderen empfehlen? Und welche Voraussetzungen bräuchten sie für diese Arbeit? :: Empfehlen kann ich das auf jeden Fall, und Max Schütze hilft hier bei der Tiertafel auch mit und das scheint ja auch ganz gut zu sein. Man lernt viele Menschentypen kennen und wie man mit denen umzugehen hat. Und schön ist, wenn man lernt, dass Leute auf deine Hilfe angewiesen sind, dieses »Ich gebe was, aber ich krieg auch was dafür«, dieses Geben und Nehmen ist echt schön. Also ich würd’s immer wieder machen.

Gibt es noch etwas, dass dir wichtig ist zu sagen? :: Dass viele Ehrenamtliche über 60 Jahre alt sind, die mithelfen, und ich es schade finde, dass nicht mehr Jugendliche mitmachen und so unsere Gesellschaft weiterhin mit Essen versorgt wird. Und ich habe gemerkt, wie viele Tonnen Lebensmittel einfach weggeworfen würden, wenn die Tafel sie nicht nehmen würde, und wie wenig nachhaltig die Lebensmittelgeschäfte arbeiten. Es ist erschreckend, dass trotz dieses Überflusses so viele Menschen bedürftig und auf die Tafel angewiesen sind.

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